In der Welt der Haftungsklagen steht noch nie so viel auf dem Spiel wie heute. Die von Geschworenengerichten zugesprochenen Entschädigungssummen nehmen nicht nur an Häufigkeit, sondern auch an Höhe zu. Sogenannte „nukleare Urteile“ und „thermonukleare Urteile“ werden in den Vereinigten Staaten immer häufiger. Laut dem „2025 Liability Litigation Commentary“ von Sedgwick stiegen die „nuclear verdicts“ – definiert als Urteile, die 10 Millionen US-Dollar übersteigen – im Jahr 2024 um 52 Prozent. Noch auffälliger ist, dass Urteile über 100 Millionen US-Dollar im gleichen Zeitraum um 81,5 Prozent in die Höhe schossen.

Die durchschnittliche Entschädigungssumme liegt mittlerweile bei über 51 Millionen Dollar. Diese Zahlen sind nicht nur statistische Ausreißer; sie stehen für einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise, wie Geschworene die Verantwortung von Unternehmen einschätzen, wie Klägeranwälte ihre Fälle aufbauen und wie die Verteidigung darauf reagieren muss.

Was ist der Grund für den explosionsartigen Anstieg der Urteilssummen?

Das Verständnis der zusammenwirkenden Kräfte, die diesen Trend vorantreiben, ist für jedes Unternehmen, das Rechtsstreitrisiken verwaltet, von entscheidender Bedeutung.

1. Unternehmensfeindliche Stimmung

Das Vertrauen der Öffentlichkeit in große Institutionen schwindet, und diese Stimmung spiegelt sich zunehmend im Verhalten von Geschworenen wider. Eine Umfrage des Emerson College aus dem Jahr 2024 ergab, dass 41 Prozent der Wähler im Alter von 18 bis 29 Jahren das Handeln des mutmaßlichen Mörders eines CEOs als „eher oder völlig akzeptabel“ betrachteten. Dies steht in krassem Gegensatz zu den 68 Prozent der Gesamtbevölkerung, die das Handeln als inakzeptabel empfanden. Jüngere Geschworene, die mit höherer Wahrscheinlichkeit für den Geschworenendienst ausgewählt werden, bringen diese Einstellungen mit in den Gerichtssaal.

2. Aggressives Anwaltsmarketing

Die Klägeranwälte verfolgen mittlerweile eine umfassende Marketingstrategie. Anwälte beschränken sich nicht mehr nur auf Plakatwände und Fernsehwerbung zu später Stunde. Sie dominieren mittlerweile Plattformen wie TikTok, YouTube und Instagram und erreichen potenzielle Mandanten bereits innerhalb weniger Minuten nach einem Vorfall. Dienste zur Lead-Generierung bieten Echtzeit-Verbindungen zu Anwälten und stellen so sicher, dass Geschädigte bereits mit einem Rechtsbeistand sprechen, noch bevor sie sich überhaupt an einen Versicherer wenden.

3. Verzerrung durch gemeinsame Beurteilung in Verfahren mit mehreren Angeklagten

In Gerichtsverfahren mit mehreren Beklagten vergleichen Geschworene die Beklagten oft miteinander, anstatt jeden einzelnen unabhängig zu bewerten. Diese kognitive Verzerrung, die als „Joint Evaluation Bias“ (Verzerrung durch gemeinsame Bewertung) bekannt ist, kann zu unverhältnismäßigen Schuldzuweisungen und überhöhten Schadenersatzsummen führen. Wenn ein Beklagter reumütiger oder proaktiver wirkt als ein anderer, kann es vorkommen, dass die Geschworenen der weniger sympathischen Partei eine größere Schuld zuweisen, unabhängig von der tatsächlichen Haftung.

4. Missbrauch des Rechtssystems

Taktiken wie das „Anchoring“ (das Suggerieren hoher Schadenssummen), „Phantomschäden“ (überhöhte Arztrechnungen) und die Prozessfinanzierung durch Dritte verzerren den Prozessablauf. Diese Praktiken können die Wahrnehmung der Geschworenen manipulieren und die zugesprochenen Schadensersatzsummen weit über das hinaus in die Höhe treiben, was angemessen oder notwendig ist.

Die finanziellen Auswirkungen

Die Kosten für die Verteidigung gegen diese Urteile steigen parallel zu den Schadenersatzsummen selbst. Nach Angaben des Institute for Legal Reform stiegen die durchschnittlichen Kosten für die Verteidigung in Personenschadensklagen zwischen 2016 und 2022 jährlich um 7,1 Prozent. Eine Umfrage von Thomson Reuters ergab, dass die Honorare von Anwaltskanzleien bis Mitte 2024 um weitere 6,5 Prozent gestiegen sind.

Dies bedeutet eine doppelte Belastung für Versicherer und Unternehmen. Sie müssen mit höheren Kosten für die Rechtsverteidigung und höheren Schadensersatzzahlungen rechnen, wenn Fälle vor Gericht kommen. Die Folge ist ein Prozessumfeld, das zunehmend unvorhersehbar und finanziell nicht tragbar ist.

So reagieren Sie: Ein strategischer Leitfaden

Um das Risiko von „Nuclear Verdicts“ zu mindern, müssen Unternehmen einen proaktiveren und datengestützten Ansatz beim Prozessmanagement verfolgen. Hier sind vier wichtige Strategien:


  • zur prädiktiven Modellierung: Nutzen Sie fortschrittliche Analysen, um Schadensfälle mit hohem Schweregrad frühzeitig zu erkennen. Die Modellierung von Sedgwick zeigt, dass weniger als 1 Prozent der Schadensfälle die schwerwiegendsten Folgen haben. Diese Schadensfälle sollten in spezielle Arbeitsabläufe geleitet werden, um frühzeitig eingreifen zu können.
  • Datengestützte Auswahl von Rechtsanwälten
    Wählen Sie einen Verteidiger anhand von Leistungskennzahlen aus, nicht nur aufgrund persönlicher Bekanntschaft. Die „Attorney Scorecard“ von Sedgwick bewertet Rechtsanwälte beispielsweise hinsichtlich Dauer, Kosten und Ergebnissen, um die beste Wahl für jeden einzelnen Fall zu gewährleisten.
  • Strategische Koordination in Verfahren mit mehreren Angeklagten
    Die Botschaften und Strategien der Mitangeklagten sollten aufeinander abgestimmt werden, um Verwirrung und Voreingenommenheit bei der Jury zu vermeiden. Scheinprozesse und Fokusgruppen mit Jurymitgliedern können dabei helfen, Themen zu testen und potenzielle Fallstricke zu erkennen.
  • Investieren Sie in die Erstellung von Geschworenenprofilen und die Vorbereitung auf Gerichtsverfahren
    Machen Sie sich ein Bild von den demografischen Merkmalen, Einstellungen und Vorurteilen potenzieller Geschworener. Erkenntnisse zum Verhalten sind aussagekräftiger als Alter oder Bildungsstand allein und können in die Auswahl der Geschworenen sowie in die Prozessstrategie einfließen.

Das Urteil steht fest

Urteile in Bezug auf nukleare und thermonukleare Streitigkeiten werden nicht verschwinden. Doch mit den richtigen Instrumenten, Erkenntnissen und Strategien können Unternehmen ihr Risiko mindern und die Kontrolle über den Ausgang von Rechtsstreitigkeiten zurückgewinnen.

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