30. August 2022
Von Laura Horrocks, Leiterin des Bereichs Betrugsdaten und -analysen, und Chris Frechette, Vizepräsident des Bereichs Haftpflicht
Mit dem Fortschritt der Verkehrstechnologie müssen Themen wie Sicherheit, Betrug und Haftung kontinuierlich überwacht werden, um mit den sich wandelnden Rahmenbedingungen Schritt zu halten.
Elektroroller (oder E-Roller) sind mittlerweile ein vertrauter Anblick auf den Straßen Großbritanniens, aber noch so neu, dass Sicherheits- und Rechtsfragen noch nicht vollständig geklärt sind. Ebenso kommen bei Elektrofahrzeugen (EVs) neue Bauteile und Technologien zum Einsatz, die sowohl für Kfz-Mechaniker als auch für die Lieferkette und die Schadenregulierungsbranche einzigartige Risiken mit sich bringen. Zwar werden sowohl E-Scooter als auch Elektrofahrzeuge weitgehend als umweltfreundliche Fortbewegungsmittel begrüßt, doch werden sie im Bereich der Schadenregulierung neue und dringende Herausforderungen mit sich bringen. Für beide Fahrzeugtypen ist es entscheidend, dass sich unsere Branche darüber im Klaren ist, inwiefern sich die Bearbeitung von Schadenfällen dadurch verändern könnte.
Die Beliebtheit von E-Scootern
Zunächst befassen wir uns mit E-Scootern, einem Fortbewegungsmittel, das erst seit Kurzem alltäglich geworden ist und durch die Lockdowns während der COVID-19-Pandemie einen Aufschwung erfahren hat. Da E-Scooter immer beliebter werden, gibt es eine Reihe von Sicherheitsaspekten im Zusammenhang mit der Haftung zu berücksichtigen. Am offensichtlichsten sind das Fehlen einer vorgeschriebenen Einweisung für das Fahren sowie die damit verbundenen körperlichen Risiken. Zwar sind die meisten Roller auf eine Höchstgeschwindigkeit von 20 mph begrenzt, doch handelt es sich hierbei nicht um einen einheitlichen Standard, und private Modelle können deutlich schneller fahren. Da kein Motorengeräusch zu hören ist, besteht für Fußgänger die Gefahr, angefahren zu werden, wenn der Fahrer nicht rechtzeitig abbremsen kann (und umgekehrt sind sie selbst einem höheren Risiko ausgesetzt, angefahren zu werden). Um einen E-Scooter effektiv anzuhalten, müsste das Körpergewicht des Fahrers tief und weit genug verteilt sein, um nicht nach vorne geschleudert zu werden – etwas, dessen sich der Durchschnittsmensch nicht unbedingt bewusst ist. Und da E-Scooter zweirädrig und schmal sind, können Fahrer von unerwarteten Stellen aus in den Verkehr einfahren und werden oft von größeren Fahrzeugen oder Gegenständen verdeckt.
Zudem besteht derzeit keine gesetzliche Helmpflicht (da die Zahl der Unfälle mit Kopfverletzungen relativ gering ist), doch das Risiko ist dennoch vorhanden. Die Daten zeigen, dass diese Sicherheitsbedenken nicht rein hypothetisch sind – laut dembritischen Verkehrsministerium hat sich die Zahl der Unfälle im Zusammenhang mit der Nutzung von E-Scootern in den letzten zwei Jahren verdreifacht, und die Zahl der Todesfälle stieg von einem Todesfall im Jahr 2020 auf neun Todesfälle im darauffolgenden Jahr.
Was dies für die Schadenversicherungsbranche bedeutet
Derzeit finden in Großbritannien in 31 Regionen Testläufe statt, an denen verschiedene private E-Scooter-Anbieter teilnehmen, die jeweils ausreichend versichert und für den Einsatz auf öffentlichen Straßen zugelassen sind. Allerdings sind ähnliche Fahrzeuge auf dem privaten Markt leicht und weit verbreitet erhältlich, von denen keines zugelassen ist. Folglich werden unregulierte und unversicherte Fahrzeuge im öffentlichen Raum genutzt, was die Schadenabwicklung weiter erschwert. Versicherer könnten sich damit konfrontiert sehen, erhebliche Schadensersatzansprüche wegen Verletzungen zu bearbeiten, zusätzlich zu den hohen Kosten für die Reparatur oder den Ersatz eines E-Scooters – unabhängig davon, ob dessen Nutzung rechtmäßig war oder nicht.
Schließlich geben betrügerische Handlungen zunehmend Anlass zur Sorge, da ein erhebliches Verletzungsrisiko für den Fahrer besteht und die Wiederbeschaffungskosten aufgrund mangelnder Verfügbarkeit hoch sind. Da die Diebstahlrate bei E-Scootern mit steigender Nachfrage sicherlich zunehmen wird, wird die Überprüfung der Eigentumsverhältnisse von entscheidender Bedeutung sein. Da die Testphase in Großbritannien voraussichtlich im November 2022 abgeschlossen sein wird und die Gesetzgebung zur allgemeinen Nutzung für 2023 erwartet wird, werden derzeit die Grundlagen für einen deutlichen Anstieg der E-Scooter-Besitzzahlen geschaffen.
In den USA sind viele dieserTrendsebenfalls zu beobachten, daneben kommen jedoch noch weitere hinzu. Da E-Scooter mit relativ nicht zurückverfolgbaren Prepaid-Karten gemietet werden können, bleibt der Mieter praktisch anonym, was zu einer alarmierenden Zahl von Vandalismusfällen und Verkehrsverstößen beiträgt, die nicht auf den Fahrzeugführer zurückgeführt werden können. Da zudem jeder Bundesstaat seine eigenen Gesetze zur Nutzung von E-Scootern auf öffentlichen Straßen hat, gibt es keine einheitlichen Vorschriften. Eine Minderheit der Bundesstaaten erachtet die Nutzung auf Straßen als illegal; eine Handvoll erlaubt das Fahren auf Gehwegen, während die meisten anderen dies nicht zulassen; die Altersvoraussetzungen variieren von Bundesstaat zu Bundesstaat, und in neun Bundesstaaten ist für das Fahren eines E-Scooters sogar ein Führerschein erforderlich. Es ist wichtig, dass die Bürger darüber aufgeklärt werden, welche Gesetze für eine sichere Nutzung im öffentlichen Raum gelten.
Der Umstieg von Diesel- auf Elektrofahrzeuge
In einem ähnlichen Trend ist aufgrund steigender Kraftstoffkosten und Umweltbedenken eine deutliche Verlagerung bei den Verbrauchern zu beobachten, die sich zunehmend für den Kauf von Hybrid- oder vollelektrischen Fahrzeugen anstelle von Dieselfahrzeugen entscheiden. Hybridfahrzeuge wurden bereits 2010 eingeführt, und Elektrofahrzeuge sind in Großbritannien schon seit mehreren Jahren auf dem Markt. Im Jahr 2022 überstieg der Absatz von neuenElektrofahrzeugenjedoch zum ersten Mal überhaupt den Absatz von neuen Dieselfahrzeugen. Dies stellt einen tiefgreifenden Wandel in der Automobilindustrie dar, der sich mit fortschreitender technologischer Entwicklung wahrscheinlich weiter verstärken wird.
Ansprüche im Zusammenhang mit Elektrofahrzeugen müssen anders behandelt werden
So wie es Zeit brauchen wird, bis eine angemessene Gesetzgebung für den Verkehr mit E-Scootern geschaffen ist, werden auch rechtliche Fragen im Zusammenhang mit der neuen Elektrofahrzeugtechnologie Neuland betreten. Die technologischen Ambitionen der Elektrofahrzeughersteller ähneln denen der Hersteller von Dieselfahrzeugen – nämlich der Entwicklung autonomer Fahrzeuge. Kürzlich wurden Berichte veröffentlicht, die darauf hindeuten, dass bereits im nächsten Jahr selbstfahrende Fahrzeuge auf britischen Straßen zugelassen werden sollen.
Verbesserungen in der Elektrofahrzeugtechnologie gehen mit dem Einsatz neuer, teurer und komplexer Fahrzeugteile einher – von denen einige mit einem Aufpreis verbunden sein werden, da viele Standardkomponenten über integrierte Technik verfügen, die im Schadensfall wiederhergestellt werden muss. Dies könnte für Versicherer im Zusammenhang mit Unfällen mit Elektrofahrzeugen erhebliche Kosten bedeuten.
Das Hindernis der Komplexität von Reparaturen
Logischerweise wird die Komplexität von Reparaturen mit der technologischen Weiterentwicklung zunehmen. Die Reparatur von Elektrofahrzeugen birgt neue Sicherheitsrisiken wie die Exposition gegenüber Chemikalien (durch auslaufende Elektrolyte), Stromschläge oder Brände sowie besondere Herausforderungen im Reparaturprozess. So ist beispielsweise die Batterie, die ein Elektrofahrzeug antreibt, in der Regel in die Fahrzeugstruktur integriert, was ihren Ausbau erschwert; bei unsachgemäßer Vorgehensweise kann die Batterie zudem das Fahrgestell verziehen, was zusätzliche Reparaturkosten verursacht. Kfz-Mechaniker müssen sich neue Kompetenzen aneignen, um zu lernen, wie man Probleme mit diesen Bauteilen behebt, und jede Störung in den Reparaturnetzwerken wird den derzeitigen Mangel an Kfz-Ersatzteilen in Großbritannien unweigerlich verschärfen und die Kosten in der Lieferkette in die Höhe treiben. Es ist zu erwarten, dass dieser Mangel zu einem drastischen Anstieg des Diebstahlrisikos beitragen wird – nicht für die Fahrzeuge selbst, sondern für deren Bauteile. Komplexe Komponenten in Elektrofahrzeugen sind wertvoll, und Besitzer müssen Vorkehrungen treffen, um Diebstahl zu verhindern (insbesondere da viele Diebstahlsicherungen umgangen werden können).
Auch die Kosten für die Anmietung eines Ersatzfahrzeugs dürften steigen, da es bislang noch keine Rahmenvereinbarungen zur Kostenübernahme gibt. Wenn Unternehmen diese Situation zu ihrem Vorteil nutzen, könnte ein Rückgang des Bestands an Elektro-Mietfahrzeugen dazu führen, dass den Kunden Fahrzeuge einer deutlich höheren Klasse zur Verfügung gestellt werden, da diese das Recht hätten, ein nicht-elektrisches Fahrzeug abzulehnen.
Neue Lösungen, neue Herausforderungen
In unserer sich rasant verändernden Welt sind neue und verbesserte Technologien unverzichtbar, um Probleme zu lösen und Prozesse zu optimieren. Der Aufstieg von E-Scootern und Elektrofahrzeugen erfüllt beide Ziele und ist zweifellos von Vorteil für unseren Planeten. Dies wird auch zu Neuland in der Schadenversicherungsbranche führen – Fragen, Hindernisse, Komplexitäten – und es ist unsere Aufgabe, darauf vorbereitet zu sein, uns diesen Herausforderungen zu stellen und uns anzupassen. Wir werden die sich abzeichnenden Trends im Zusammenhang mit E-Scootern und Elektrofahrzeugen weiterhin beobachten und genau im Auge behalten, wie sie sich auf die Versicherer auswirken.
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