21. September 2022
von Ian Newth – Leiter der Abteilung Bau und Ingenieurwesen – und Andrew Cavan – Leiter des Bereichs Groß- und komplexe Schäden – Nord, Sedgwick UK
Unsere Aufgabe ist es, auf unvorstellbare Situationen vorbereitet zu sein. Und während Unwetterwarnungen auf die Gefahr eines Hochwassers hinweisen, braut sich ein neuer Sturm zusammen, der überall, jederzeit und ohne große Vorwarnung zuschlagen könnte. Das potenziell erhebliche globale Risiko, mit dem wir alle derzeit konfrontiert sind, sind zivile Unruhen.
Krise der Lebenshaltungskosten
In der Vergangenheit kam es in Zeiten sozialer und finanzieller Not oft vor, dass Proteste, Demonstrationen und Streiks zu Zusammenstößen mit den Polizeibehörden eskalierten. Zu den früheren Aufständen, die durch eine Lebenshaltungskostenkrise ausgelöst wurden, zählen die Unruhen in England im Jahr 1981, der Arabische Frühling 2010 und die Proteste der „Gelbwesten“ in Frankreich im Jahr 2018.
Zudem entwickelte sich im August 2011 ein zunächst friedlicher Protestmarsch in London sehr schnell zu schweren Ausschreitungen. Den sozialen Medien wird nachgesagt, dass sie in den folgenden Tagen maßgeblich dazu beigetragen haben, ähnliche Vorfälle in mehreren anderen größeren Städten anzustacheln. Tausende Demonstranten wurden festgenommen, fünf Menschen kamen ums Leben, viele wurden verletzt, und der Sachschaden wurde auf 200 Millionen Pfund geschätzt.
Sozioökonomische Risiken
In Großbritannien wird derzeit vielfach darüber berichtet, dass die Löhne nicht mit der galoppierenden Inflation Schritt halten können und die Verbraucher sich Sorgen machen, wie sie die Wintermonate überstehen sollen. Steigende Energiepreise wirken sich zudem auf die Kosten in der Fertigung, Produktion und im Vertrieb lebenswichtiger Güter und Dienstleistungen aus. Während sich die durch COVID verursachten Probleme in der Lieferkette offenbar abschwächen, wird die Inflation nun durch Arbeitskräftemangel, verschiedene Streiks und andere geopolitische Faktoren beeinflusst.
Der Verbraucherpreisindex (VPI) stieg im Juli auf 10,1 % – den höchsten Stand seit Februar 1982 –, während das Verbrauchervertrauen Berichten zufolge auf einem Allzeittief liegt.
Wir sind nicht allein.Deraktuelle„Civil Unrest Index“von Verisk Maplecroft zeigt, dass im letzten Quartal in mehr Ländern die Risiken durch zivile Unruhen gestiegen sind als jemals zuvor in den letzten sieben Jahren, was vor allem auf den weiter zunehmenden sozioökonomischen Druck zurückzuführen ist. „Von 198 Ländern verzeichneten 101 einen Anstieg des Risikos, während das Risiko in nur 42 Ländern zurückging.“
Eine vernetzte Welt
Unsere Welt ist zunehmend vernetzt, und Beiträge über soziale und politische Unzufriedenheit lassen sich leicht in den sozialen Medien veröffentlichen und teilen, was den Aufbau eines weltweiten Netzwerks von Unterstützern erleichtert. Weit verbreitete Meldungen und Videos können zudem Ereignisse in anderen Teilen der Welt verstärken und einen Dominoeffekt in Regionen auslösen, die uns näher liegen.
Zwar kann niemand vorhersagen, wo oder wann es zu Unruhen kommen könnte, doch angesichts der aktuellen weltweiten Lage erscheint es nur vernünftig, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Ein guter Anfang ist es, sich – ob als Versicherungsnehmer, Versicherer oder Makler – darüber Klarheit zu verschaffen, was versichert ist und was nicht.
Weitergehende Überlegungen
Bei jedem groß angelegten Aufstand könnten die Infrastruktur des Landes und staatseigene Vermögenswerte gefährdet sein, und Unruhen können erhebliche Auswirkungen auf die Einnahmen aus dem lokalen Tourismus und dem Gastgewerbe haben. Zu Gewalttätigkeiten eskalierende Auseinandersetzungen können zudem zu erheblichen Sach- und Fahrzeugschäden sowie zu Betriebsausfallschäden führen.
Für große, multinationale Unternehmen ist das Risiko, diesen Gefahren ausgesetzt zu sein, größer. Sie wären gut beraten, den Umfang des Versicherungsschutzes ihrer Versicherer in Bezug auf Streiks, Unruhen und Aufstände zu überprüfen. Auch spezielle Versicherungsbereiche für politische Gewalt sollten in Betracht gezogen werden.
Vergütung
In England und Wales können Versicherer und Versicherungsnehmer gemäß dem„Riot Compensation Act 2016“– sowie ähnlichen Gesetzen in Schottland und Nordirland – Ansprüche gegen die örtliche Polizeibehörde geltend machen, wenn infolge eines Aufruhrs Schäden an Gebäuden, Hausrat, Lagerbeständen und Kraftfahrzeugen entstanden sind. Der Begriff „Aufruhr“ istrechtlich genaudefiniert, und für das Schadenersatzverfahren gelten strenge Fristen. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, unverzüglich Beweise zu sammeln, um nachzuweisen, dass ein rechtlich definierter Aufruhr stattgefunden hat.
Es ist jedoch zu beachten, dass im Rahmen dieser Regelung Entschädigungsansprüche für Betriebsunterbrechungsschäden ebenso wenig geltend gemacht werden können wie Kosten für Ersatzunterkünfte und Mietausfälle, sofern diese durch eine Versicherungspolice abgedeckt sind.
Schnellaktionen
Da eine Krise die nächste ablöst, könnten die kommenden Monate für viele Menschen in unserer globalen Gemeinschaft eine große Herausforderung darstellen. Angesichts der erhöhten Gefahr von Unruhen müssen wir jedoch vorbereitet sein und bereit stehen, schnell auf alle Aspekte der Situation zu reagieren, sollte sich diese weiterentwickeln. Frühzeitiges Handeln wird das Ausmaß der Schäden mindern und zu einer schnelleren und reibungsloseren Erholung für alle beitragen.
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