Von Chris Frechette, Vizepräsident, Bereich Haftpflicht

Fortschritte in der Batterietechnologie und Umweltbelange sorgen weiterhin für ein wachsendes Interesse an der Einführung von Elektrofahrzeugen (EVs).

Die zunehmende Verbreitung von Elektrofahrzeugen bringt neue Herausforderungen für Versicherer mit sich. Herkömmliche Modelle für die Risikoprüfung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen. Werte, Abschreibungssätze, Reparaturkosten sowie Risiken sowohl für den Erst- als auch für den Drittgeschädigten weisen neue und einzigartige Besonderheiten auf. Folglich müssen die Prozesse, Ressourcen und Fachkenntnisse, die für die Bearbeitung von Schadensfällen bei Elektrofahrzeugen erforderlich sind, überprüft und verbessert werden, um eine angemessene fachkundige Schadensfeststellung und Schadensminderung zu gewährleisten. Ein umfassendes Verständnis der Bandbreite an Risiken, die Schadensfälle bei Elektrofahrzeugen auszeichnen, ist die Grundlage für eine effektive Schadensbearbeitung und -minderung.

Risiken für Eigentümer, Fahrer und Mitfahrer

Die Debatte über die allgemeine relative Unfallsicherheit von Elektrofahrzeugen hält an. Elektrofahrzeuge sind in der Regel schwerer als ihre Pendants, obwohl dort, wo es möglich ist, leichtere Materialien verbaut werden, um die Effizienz zu maximieren. Ungeachtet des Ziels, das Leergewicht zu reduzieren, führen die derzeitigen Batteriepacks und das zusätzliche Gewicht, das zu ihrer Abstützung und zum Schutz erforderlich ist, dazu, dass Elektrofahrzeuge schwerer sind als ihre Gegenstücke mit Verbrennungsmotor gleicher Größe. Bei einem Unfall sind die Insassen schwererer Fahrzeuge geringeren Kräften ausgesetzt als die Insassen leichterer Fahrzeuge. Dies ist zwar für die Insassen eines schwereren Fahrzeugs von Vorteil, hat jedoch auch die Kehrseite, dass die Verletzungsgefahr für Insassen, die von einem schwereren Fahrzeug erfasst werden, potenziell erhöht ist.

Zudem führen die zunehmende Vernetzung und die Abhängigkeit von der Komponentenfertigung bei Elektrofahrzeugen zu Sicherheitslücken. Die Risiken reichen vom Diebstahl persönlicher Daten und Zahlungsinformationen bis hin zur vollständigen Übernahme eines oder mehrerer Fahrzeuge für böswillige Handlungen oder zur Erlangung krimineller Gewinne. Ein infiziertes Fahrzeug könnte das Risiko über seine Schnittstellen potenziell auf eine gesamte Flotte oder sogar auf das Stromnetz ausweiten.

Risiken im Zusammenhang mit Schäden und Reparaturen

Systeme in Elektrofahrzeugen bestehen zwar in der Regel aus weniger beweglichen Teilen, sind jedoch komplexer – mit integrierten Bauteilen, Bauteilen, die vom Fahrzeughalter nicht gewartet werden können, und Bauteilen, die im Falle eines Unfalls mit größerer Wahrscheinlichkeit ausgetauscht werden müssen. Die leichteren Materialien, die zur Maximierung der Effizienz in Elektrofahrzeugen verwendet werden, sind in der Regel teurer und anfälliger für stärkere Beschädigungen. Obwohl sie bei Unfällen Energie effizient absorbieren, was zu einer erhöhten Insassensicherheit führt, lassen sich diese Materialien mit herkömmlichenReparaturtechniken fürBeulen und Verformungen etwas schlechter bearbeiten und erfordern oft eine Reparatur größerer Flächen oder den vollständigen Austausch von Bauteilen bzw. Karosserieteilen.

Der Einbau komplexerer und stärker integrierter Komponenten erhöht die Komplexität des Reparaturprozesses. Zudem befinden sich möglicherweise mehr Komponenten in Bereichen, die selbst bei geringen Stößen stark beschädigungsanfällig sind. Während die durchschnittliche Reparaturdauer bei Elektrofahrzeugen bei vergleichbaren Unfällen tendenziell etwas geringer ist als bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, dauert die Reparatur insgesamt tendenziell länger, da Zeit für die Koordination und Vergabe von Reparaturen und Zusatzarbeiten aufgewendet werden muss – ein Unterschied, der mit dem entsprechenden Fachwissen und den richtigen Ressourcen gemildert werden kann. Die Batteriepakete, die Elektrofahrzeuge mit Strom versorgen, gehören mit Abstand zu den teuersten Einzelkomponenten; ihre Kosten liegen oft bei fast 30.000 US-Dollar oder darüber.

Haftungsrisiken

Bei der Betrachtung des gesamten Haftungsrisikos hat das relative Gewicht der an Unfällen beteiligten Fahrzeuge einen entsprechenden Einfluss auf das potenzielle Ausmaß der Verletzungen von Insassen und Dritten. Ein relativ neues und einzigartiges Risiko – das zudem Gegenstand einiger Debatten ist – hängt mit der nahezu geräuschlosen Fahrt von Elektro- und Hybridfahrzeugen im rein elektrischen Modus zusammen. Auch wenn jüngste Erkenntnisse zu Unfällen mit Fußgängern derzeit angezweifelt werden, erscheint es naheliegend, dass ein geräuschloses Fahrzeug offenbar eher dazu neigt, Fußgänger beim Anfahren oder bei langsamer Fahrt nicht ausreichend zu warnen. Und obwohl dies die Wahrscheinlichkeit einer Haftung seitens der Fahrer von Elektrofahrzeugen nicht zu erhöhen scheint, steigt das Risiko von Schäden und Ansprüchen Dritter unbestreitbar in gewissem Maße an.

Zwar machen Elektrofahrzeuge heute noch einen relativ geringen Anteil am Markt aus, doch werden sie innerhalb dieses Jahrzehnts eine breite Akzeptanz erreichen und nahezu allgegenwärtig sein. MitElektrofahrzeugengehen neue Risiken einher, die Versicherer verstehen und bewältigen müssen, sowie grundlegende Anforderungen an verbesserte Ressourcen und Prozesse, um Schadensfälle genau und angemessen zu bewerten und zu bearbeiten. Wir werden die sich abzeichnenden gesetzlichen und regulatorischen Änderungen im Zusammenhang mit Elektrofahrzeugen weiterhin beobachten und die Trends, die sich auf Versicherer auswirken, genau im Blick behalten.

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